Über die Flamme – Gaurav Gupta SS26 Pariser Couture-Woche

Bei Gaurav Gupta erzählt das Nähen nicht die Geschichte des Feuers – es trägt seine Erinnerung in sich.

Die im Rahmen der Pariser Couture-Woche präsentierte Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 von Gaurav Gupta, „Across the Flame“, markiert einen Höhepunkt seiner Meisterschaft. Mehr als eine Erzählung etabliert die Show einen unverwechselbaren Stil: den eines Designers, der Widrigkeiten in Struktur und Spannung in Linien verwandelt.

Quelle: @parisfashionweek, Gaurav Gupta und seine Frau Navkirat Sodhi, die stolz die Narben ihres Unfalls – Verbrennungen dritten Grades – trägt und deren Widerstandsfähigkeit ihn zu seiner Kollektion „Across the Flame“ inspirierte.

Die SS26-Kollektion ist eine bewusste Fortsetzung. Feuer ist kein Bruchpunkt mehr, sondern ein integriertes, stabilisiertes, beinahe domestiziertes Element. Alles basiert auf dem Dialog zwischen Architektur und Fluidität – ein Markenzeichen, das der Designer nun vollends etabliert hat.

Das Feuer wurde unter Kontrolle gebracht

Quelle: Tagwalk

Schon die ersten Silhouetten machen die Botschaft deutlich: Architektonische Korsetts, geformte Metallbustiers, skulpturale Volumen.

Die ockerfarbenen, orangefarbenen und tiefschwarzen Töne erinnern an ein gezügeltes, konzentriertes, kanalisiertes Feuer. Der schwarze Samt und Satin strecken die Silhouette und verstärken diesen Eindruck der Kontrolle. Hier bestimmt das Material die Form.

Perspektive gewinnen

Quelle: Tagwalk

Die Farbpalette wird heller. Elfenbein, Nude, Champagner.

Drapierungen aus Tüll und Seide verleihen dem Körper Freiheit, schaffen Raum und erweitern die Interpretation der Silhouette. Die Konstruktion wirkt weicher, ohne jemals schlaff zu sein. Es ist ein Moment der Ruhe in der Show – fließendere Couture, entworfen, um sich mit dem Körper zu bewegen.

Eine kontinuierliche Evolution

Quelle: Tagwalk

Das leuchtende Orange kehrt zurück, nicht als dramatischer Akzent, sondern als wiederkehrendes Motiv. Die asymmetrischen Kleider, deren Konstruktion auf präzisen Drapierungen basiert, vermitteln eine stetige Weiterentwicklung.

Die spiegelbildlich angeordneten Silhouetten unterstreichen die Idee einer gemeinsamen Reise. Nichts ist statisch. Alles entwickelt sich – langsam, aber sicher.

Skulpturale Figuren

Quelle: Tagwalk

Die Kollektion wird immer radikaler.

Metallische Oberflächen, reflektierende Ornamente, architektonische Kappen. Die Silhouetten wirken beinahe abstrakt, wie aus Licht geformt. Schwarz strukturiert das Ganze, während Gold und Silber die grafische und experimentelle Dimension des Werkes betonen.

Nähkenntnisse

Quelle: Tagwalk

Meisterhafte Handwerkskunst steht weiterhin im Mittelpunkt. Metallguss, experimentelle Stickerei und ausgefeilte Drapiertechniken kommen zum Einsatz. Bast, Mikroperlen und Metallelemente bereichern die Texturen, während Schmuck als integraler Bestandteil die Silhouette erweitert.

Across the Flame SS26 versucht nicht, zu beeindrucken. Es bekräftigt eine offensichtliche Wahrheit: die eines Schöpfers, der nun sowohl das Feuer als auch die Form beherrscht.

 
Vorherige
Vorherige

Stéphane Rolland, die Kunst des Zirkus in der Haute Couture

Im Folgenden
Im Folgenden

Julien Fournié „Der erste Zirkus“: Eine Analyse der Haute-Couture-Kollektion, die Mode in ein Spektakel verwandelt